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Schulen bereiten sich auf Flüchtlinge vor

VDR-Bundesvorsitzender Jürgen Böhm fordert: Dem „Wir schaffen das“ müssen konkrete Lösungen folgen

Noch weiß keiner, wie hoch die Zahl der Flüchtlingskinder ist, für deren Beschulung derzeit landesweit an Konzepten gearbeitet wird. Doch bei den weiterführenden Schulen geht man davon aus, dass die große Welle erst noch kommt, erklärt Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des Verbandes deutscher Realschullehrer, im Interview mit BSW.


Herr Böhm, auch für Flüchtlingskinder gilt in Deutschland die Schulpflicht – jedoch gibt es für diese, je nach Bundesland, verschiedene Fristen. Welche Auswirkungen hat dies auf die weiterführenden Schulen?

Die Flüchtlingskinder kommen bei uns mit zeitlicher Verzögerung an, denn in der Regel sind zuerst die Grund- und Mittelschulen sowie die Berufsschulen die Anlaufstellen. Ich rechne damit, dass die Realschulen erst ab Anfang 2016 und in den Folgejahren voll mit der Thematik konfrontiert werden.

Und wie nutzen Sie die Zeit?

Wir versuchen, uns so gut wie möglich darauf vorzubereiten. Da das Spektrum der Leistungspotenziale der jungen Flüchtlinge und ihre schulische Vorbildung vom Analphabeten bis zum potenziellen Hochschulabsolventen reicht, ist das eine echte Herausforderung. Bundesweit sind deshalb auch verschiedene Konzepte im Test. In Nürnberg und München arbeiten wir in einem Pilotprojekt mit sogenannten Sprint-Klassen. Dabei steht „Sprint“ für SPRache INTensiv. Sprint-Klassen sind Übergangsklassen, in denen wir analysieren, ob das Potenzial der Jugendlichen für einen Realschulabschluss ausreicht und sie zugleich intensiv beim Erlernen der deutschen Sprache fördern.

Und wie sind die ersten Rückmeldungen?

Sehr vielversprechend. Über die Potenzialanalyse werden die Talente der Jugendlichen erkannt und gefördert. Das motiviert und trägt zur gelingenden Integration bei, denn nur wer sich gefordert, aber nicht überfordert fühlt, empfindet sich am richtigen Ort. Die Realschule mit ihren vielfältigen Übergangs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten in die duale Berufsausbildung sowie in viele andere schulische und berufliche Bildungseinrichtungen kann hierbei eine wichtige Rolle spielen.

Gibt es denn überhaupt genügend Lehrkräfte?

Nicht alle Lehrer wurden bisher nach dem Referendariat übernommen. Das gilt besonders für das Fach „Deutsch“. Doch genau das ist jetzt gefragt. Schließlich ist das Beherrschen der Sprache die Voraussetzung dafür, hier Fuß zu fassen und sich zu integrieren. Unabdingbar ist es jedoch auch, Wissen über unsere Kultur und unser politisches System zu vermitteln. Wir fordern deshalb, nicht nur mehr Lehrkräfte einzustellen, sondern auch unverzüglich entsprechende Fort- und Weiterbildungsprogramme aufzulegen.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich die Qualität der Abschlüsse verringert?

Das wäre fatal. Wenn Integration erfolgreich sein soll, darf sie nicht auf Kosten der Schüler ohne Migrationshintergrund geschehen. Deshalb brauchen wir ein differenziertes System, das mit einem entsprechenden Betreuungsschlüssel auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten ist.

Und werden Ihre Forderungen von der Politik gehört?

Ich stelle fest, dass sich der Realitätssinn immer mehr durchsetzt und unsere Initiative auf fruchtbaren Boden fällt. Allein mit der Aussage „Das schaffen wir schon“ ist es nicht getan. Gefragt sind hingegen praktikable Lösungen und durchdachte Konzepte. Versagen wir jetzt und heute bei der Integration und setzen die falschen Schwerpunkte, dann kommen immense Folgekosten auf die Gesellschaft zu, die in keinem Verhältnis zu den jetzt von uns geforderten Investitionen stehen.

Sie sind selbst Leiter einer Realschule und tauschen sich persönlich mit vielen Lehrern aus. Was bekommen Sie von diesen derzeit zu hören?

Es gibt keinen, der jammert, sondern alle packen ganz pragmatisch an. Nicht zuletzt deshalb, weil viele der Flüchtlingskinder besonders wissbegierig sind und lernen wollen. Doch darf man den Bogen auch nicht überspannen. So kann jede Schule eben nur eine gewisse Zahl an Kindern aufnehmen. Werden diese Kapazitäten überschritten, sind die Grenzen der Belastungsfähigkeit schnell erreicht.

Was wünschen Sie sich von Schülern und Eltern? Wie können diese die Lehrer unterstützen?

Wichtig ist, dass zu Hause ein offenes Klima geschaffen wird. Das gilt sowohl für die Eltern der bereits beschulten Kinder, als auch für jene, die mit ihren Kindern nach Deutschland geflüchtet sind. Und auch die Schüler selbst können aktiv werden, indem sie Einblicke in ihre Jugendkultur geben, anstatt sich abzuwenden. Kinder können hier sehr viel von Kindern lernen.

Zur Webseite des Verbands Deutscher Realschullehrer


  • vdr, jürgen böhm, flüchtlinge, realschule, lehrer