Experten-Interview zum Thema „Assistenzsysteme“ mit Thomas Schreiner, Pressesprecher des ARCD Auto- und Reiseclub Deutschland

Interview: Assistenzsysteme

Experten-Interview zum Thema „Assistenzsysteme“ mit Thomas Schreiner, Pressesprecher des ARCD Auto- und Reiseclub Deutschland

Thomas Schreiner

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Herr Schreiner, halten Sie Assistenzsysteme für sinnvoll oder eher für Spielerei?

Zunächst einmal muss man unterscheiden zwischen Systemen, die eher den Komfort im Fahrzeug erhöhen, und solchen, die tatsächlich direkt der Verkehrssicherheit dienen. Was den Komfort betrifft, gibt es natürlich ganz unterschiedliche Ansichten darüber, was notwendig und was verzichtbar ist. Sicherheitsrelevante Systeme aber, wie etwa ein Notbrems- oder Spurwechselassistent, können Fahrer tatsächlich dabei unterstützen, sicherer unterwegs zu sein. Denn immerhin über 90 Prozent der Verkehrsunfälle sind letzten Endes auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen.

Auf welche Assistenzsysteme sollte man beim Neukauf eines Wagens unbedingt achten?

Die Aufnahme von Spurhalte- und Notbremsassistent in den Bewertungskatalog der EuroNCAP-Crashtests zeigt, welche Bedeutung Fahrerassistenzsysteme mittlerweile haben. Wer hier fünf Sterne erhalten will, muss solche Systeme in sein Fahrzeug einbauen. Im Alltag können die hauptsächlichen Einsatzzwecke des Fahrzeugs und auch die persönlichen Voraussetzungen als Orientierungshilfe dienen.
Ein Abstandsregeltempomat ist hilfreich, wenn ich häufig längere Strecken zurücklegen muss. In der Stadt leistet ein Kollisionswarnsystem wertvolle Dienste, gegebenenfalls in Verbindung mit Fußgängererkennung und Notbremsassistent. Bin ich in meiner Beweglichkeit eingeschränkt und habe Schwierigkeiten mit dem Schulterblick, sind ein Spurwechselassistent, eine Rückfahrkamera oder ein Ein- und Ausparkassistent sinnvolle Investitionen. In puncto Wiederverkaufswert gibt es noch kaum verlässliche Hinweise darauf, welche Systeme sich bei einer Veräußerung des Fahrzeugs besonders bezahlt machen.

Kennen sich die Fahrzeugbesitzer überhaupt mit ihren Assistenzsystemen aus?

Nicht immer. Viele Systeme werden in Ausstattungspaketen „versteckt“ und bleiben dann, mangels Kenntnis der Käufer, oft ungenutzt. Auch Fahrzeugbesitzer, die sich nach längerer Zeit wieder ein neues Auto zulegen, wissen häufig zu wenig Bescheid über die neuesten, immer rascher fortschreitenden Entwicklungen. In den komplexen Sonderausstattungslisten der Hersteller kann man leicht den Überblick verlieren. Hier besteht Nachholbedarf seitens des Automobilhandels, ausführlich zu informieren, zu beraten und in die Anwendung der einzelnen Systeme einzuführen. Auch wir als Automobilclub sehen es als unsere Aufgabe, unsere Mitglieder in dieser Hinsicht zu beraten. Denn mit etwas Vorwissen lassen sich die besseren Kaufentscheidungen treffen.

Welche Assistenzsysteme kommen in Kürze?

Hier erwartet uns ein Mix aus Weiterentwicklungen und Neuerungen. Aktuell spannend ist etwa der Staufolgeassistent, durch den ein Fahrzeug im Stop-and-go-Betrieb automatisch dem vorausfahrenden folgt. Oder Funktionserweiterungen des Abstandsregeltempomaten, der einscherende Fahrzeuge quasi vorausahnen kann, vorsorglich leicht abbremst und somit frühzeitig eine größere Lücke zum Vordermann schafft. Das vermeidet starke Bremsmanöver und sorgt für ein besseres Miteinander von Fahrzeugen mit und ohne Assistenzsystemen.
Ebenso im Kommen sind Technologien zur besseren Ausleuchtung der Fahrbahn oder Abbiegeassistenten, um gerade im innerstädtischen Bereich schwächere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger oder Radfahrer besser zu schützen. Das ist insbesondere im Nutzfahrzeugbereich ein großes Thema. Insgesamt steht die Industrie auch vor der Herausforderung, die Kosten für bekannte Systeme zu senken, damit sie sich flächendeckend auch in kleineren Fahrzeugklassen etablieren. Intensiv geforscht wird außerdem an der Kommunikation von Fahrzeugen untereinander und mit der Straßeninfrastruktur.

Kommt Ihrer Meinung nach das selbstfahrende Auto und wenn ja, wann?

Das selbstfahrende Auto fällt nicht vom Himmel. Fakt ist, dass die technologische Entwicklung bereits weit fortgeschritten ist. Doch vieles, was im Labor funktioniert, wird noch brauchen, bis es serienreif auf der Straße landet. In allen Disziplinen gibt es noch viel Forschungs- und Diskussionsbedarf, bis hin zu Haftungs- und Rechtsfragen auf nationaler und internationaler Ebene. Der Schlüsselfaktor ist der Mensch: Denn die Entwicklung wird maßgeblich dadurch bestimmt werden, womit sich die Gesellschaft anfreunden kann.


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